5. Newsletter Betriebliches Gesundheitsmanagement (März 2016)

Psychische Probleme lassen den Krankenstand steigen

Dreieinhalb Wochen sind deutsche Arbeitnehmer jedes Jahr krank - eine Woche mehr als noch vor wenigen Jahren. Körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen führen zu den meisten Ausfällen, doch gerade psychische Erkrankungen werden häufiger.

 

Die Krankenstände in den Betrieben haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die krankheitsbedingten Ausfälle der bei Betriebskrankenkassen (BKK) versicherten Beschäftigten stiegen von im Schnitt 12,4 Tagen im Jahr 2006 auf 17,6 Tage 2013. Dies geht aus dem BKK-Gesundheitsreport 2014 hervor, der auf Daten von 9,3 Millionen Versicherten zurückgreifen kann. Laut BKK bildet er das Krankheitsgeschehen in Unternehmen repräsentativ ab.

Der Anstieg sei vor allem auf die Zunahme langwieriger und chronischer Erkrankungen zurückzuführen: Nach wie vor sorgen Muskel-und Skeletterkrankungen wie Rückenschmerzen mit einem Viertel der Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) für die meisten Fehlzeiten bei den Pflichtmitgliedern. Ihnen folgen Atemwegserkrankungen (16,2 Prozent) und psychische Störungen (14,7).

 

Bei Letzteren beobachte man die höchsten Steigerungsraten: Zwischen 1976 und 2013 habe sich die Zahl der von den Kassen registrierten Fehlzeiten von einem halben Tag auf 2,6 Tage mehr als verfünffacht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam vor einigen Monaten ein Report der Krankenkasse DAK: Der Anstieg der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen könnte mit einem erhöhten Stresslevel zusammenhängen, allerdings auch damit, dass sich mehr Leute trauen, ihre psychischen Probleme vor ihrem Chef zu offenbaren.

 

 

Psychische Erkrankungen führen zu den längsten Fehlzeiten

 

Der starke Anstieg hängt auch damit zusammen, dass psychische Diagnosen zu besonders langen Krankschreibungen führen: 38 Tage ist ein Arbeitnehmer mit psychischen Problemen im Durchschnitt krankgeschrieben, länger als bei Tumorerkrankungen mit 35 Tagen und Rückenbeschwerden mit im Schnitt 20 Tagen. Über alle Krankheitsarten dauert dem Report zufolge ein einzelner Arbeitsunfähigkeitsfall eines Beschäftigten 12,7 Tage.

 

Die Arbeitsausfälle seien in Baden-Württemberg mit 15,4 und in Bayern mit 16,3 Tagen am niedrigsten, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg mit 21,6 und 21,9 Tagen am höchsten. Das Ost-West- beziehungsweise Nord-Süd-Gefälle hängt aber weniger mit dem Wohnort als mit der Altersstruktur der Versicherten zusammen. Baden-Württemberg hat nämlich auch die jüngsten Versicherten (bei Frauen durchschnittlich 40, bei Männern 39 Jahre), dicht gefolgt von Bayern und Hessen. Die ältesten Versicherten hat die BKK dagegen in Sachsen-Anhalt (48 und 46 Jahre).

 

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Bundesarbeitsgericht:                                                  Arbeitgeber muss Alkoholiker weiter Gehalt zahlen

 

Zwei Entzüge, dann der Rückfall: Mit 4,9 Promille Alkohol im Blut wird ein Mitarbeiter in die Klinik eingeliefert und ist zehn Monate krank. Hat er Anspruch auf Lohnfortzahlung? Er hat, entschied jetzt das Bundesarbeitsgericht.

 

Das ärztliche Gutachten ist eindeutig. Es attestiert Herrn F. eine langjährige, chronische Alkoholkrankheit mit den typischen Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose und Gallenkomplikationen. Kann ein Mensch, der seit vielen Jahren trinkt, mehrere Entzüge hinter sich hat und trotzdem immer wieder zur Flasche greift, für sein Verhalten verantwortlich gemacht werden - und darf ihm deshalb sein Arbeitgeber das Gehalt streichen?

 

Nein, urteilte heute das Bundesarbeitsgericht in Erfurt. Arbeitgeber müssen alkoholabhängigen Beschäftigten sechs Wochen lang das Gehalt weiterzahlen, wenn diese wegen ihrer Sucht krankgeschrieben sind. Sucht und Rückfälle seien in der Regel nicht als Selbstverschulden zu werten, das den Anspruch auf Lohnfortzahlung koste (Aktenzeichen 10 AZR 99/14). Das Gericht wies damit die Revision eines Baubetriebs aus Nordrhein-Westfalen zurück. Die Firma hatte einem alkoholkranken Mitarbeiter nach einem Rückfall die Lohnfortzahlung verweigert.

 

In dem Fall ging es um eine vergleichsweise geringe Summe, um insgesamt 1300 Euro. Die klagte jetzt eine gesetzliche Krankenkasse für ihr alkoholabhängiges Mitglied ein. Weil sein Arbeitgeber nicht mehr zahlte, hatte die Kasse ihm Krankengeld überwiesen.

 

 

Zweimal stationärer Entzug, zweimal Rückfall

 

Bereits in erster und zweiter Instanz hatten zunächst das Arbeits-, dann das Landesarbeitsgericht in Köln der Krankenkasse Recht gegeben. Die Richter argumentierten: Alkoholsucht sei eine Krankheit. In dem Urteil heißt es: "Die körperliche und psychische Abhängigkeit vom Alkohol, die es dem Patienten nicht mehr erlaubt, mit eigener Willensanstrengung vom Alkohol loszukommen, schließt in diesem Zeitpunkt ein Verschulden des Erkrankten aus." Die Baufirma wollte das nicht akzeptieren und zog vor das Bundesarbeitsgericht. Begründung: Der Rückfall sei selbstverschuldet, der Arbeitnehmer hätte sich im Griff haben müssen.

 

Es ist das Ende einer typischen Suchtkarriere: Nachdem der Arbeiter vor acht Jahren einen Arbeitsvertrag bei einer Baufirma in Nordrhein-Westfalen unterschrieben hatte, konnte er seine Sucht nicht lange verheimlichen. Zweimal machte er einen stationären Entzug, zweimal wurde er rückfällig. Im November 2011 kam es zu einem neuen Alkoholexzess: Mit 4,9 Promille im Blut wurde Arbeiter F. in eine Klinik eingeliefert. In der Krankenakte ist von "Sturztrunk" die Rede. Intensivstation, Langzeitbeatmung, es kam zu Komplikationen: Atembeschwerden, Lungen- und Nasennebenhöhlenentzündung. In der Folge war der Bauarbeiter zehn Monate lang krank.

 

Doch so lange wartete sein Arbeitgeber nicht. Schon fünf Tage nach dem Rückfall schickte er die fristlose Kündigung. Daraufhin reichte der Kranke eine Kündigungsschutzklage ein. In einem Vergleich einigten sich Arbeitgeber und -nehmer darauf, dass das Arbeitsverhältnis nicht schon am 28. November, sondern erst einen Monat später, zum 30. Dezember enden soll. Um diese 32 Tage ging es nun. Denn der Bauunternehmer zahlte für diese Zeit keinen Lohn. Stattdessen sollte die Krankenkasse 32 Tage mal 40,73 Euro übernehmen.

 

Die Richter in Erfurt bestätigten die Urteile aus der ersten und zweiten Instanz auch deshalb, weil ein medizinisches Sachverständigengutachten zu dem Schluss gekommen war, dass kein Selbstverschulden vorlag.

 

Fälle wie die des Bauarbeiters F. sind in Deutschland kein Einzelfall. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren geht davon aus, dass fünf Prozent aller Erwerbstätigen alkoholabhängig sind, das wären schätzungsweise 2,1 Millionen Beschäftigte. Die indirekten Folgekosten für Unternehmen und Privathaushalte werden auf jährlich mehr als 16 Milliarden Euro geschätzt. Dazu gehören die Kosten für Produktionsausfälle wegen Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentungen sowie Verdiensteinbußen der betroffenen Beschäftigten. In Unternehmen fehlen Alkoholkranke zwei- bis viermal häufiger als die Gesamtbelegschaft. Ein Fünftel der Arbeitsunfälle geschieht unter Alkoholeinfluss.

 

 

Alkoholsucht selbst verschuldet?

 

Bei Alkoholsucht und ihren Folgeerkrankungen wie Leberzirrhose ist inzwischen akzeptiert, dass es sich um eine Krankheit handelt. Strittig sind allerdings Rückfälle, die zur Arbeitsunfähigkeit führen. Hier kommt es auf die Umstände des Einzelfalles an. Dabei spielt die Mitwirkungspflicht des alkoholkranken Arbeitnehmers eine große Rolle. Er ist verpflichtet, sich zu den Umständen zu äußern. Tut er dies nicht, kann das als ein Indiz für Selbstverschulden gewertet werden.

 

 

Wann haben Arbeitnehmer Anspruch auf Lohnfortzahlung?

 

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte haben für maximal sechs Wochen Anspruch auf Lohnfortzahlung, wenn sie unverschuldet erkrankt sind und nicht arbeiten können. Ausnahme ist grobes Verschulden gegen sich selbst, das zu der Erkrankung führt. Das können etwa ein unter Alkoholeinfluss verursachter Autounfall oder leichtsinniges Gefährden der Gesundheit beim Ausüben extrem riskanter Sportarten sein - die Sportverletzung beim Altherren-Fußball fällt also nicht darunter. Nach sechs Wochen Lohnfortzahlung zahlt die Krankenkasse das niedrigere Krankengeld. (Quelle: DPA)

 

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Glücksspiel - Das Milliardengeschäft

 

Fast 200.000 Menschen sind in Deutschland spielsüchtig, die meisten zocken an Automaten. Die Geräte besitzen das größte Suchtpotential, trotzdem werden sie vom Staat nicht reguliert. Der Grund: Es geht um Milliarden von Euro.

Dennis K.s Karriere als Spielsüchtiger begann in einem Imbiss in der Nähe von Bremen. Zwischen Pommes und Bierkrügen sah der 17-Jährige einen Geldspielautomaten, in dem noch Geld war. Dennis drückte einen Knopf und 170 Mark prasselten in den Ausgabeschacht. Er war angefixt und begann regelmäßig zu spielen. "Für diese Momente habe ich alles vergessen, was um mich herum war", erzählt er in einem YouTube-Video, mit dem er andere über seine jahrelange Spielsucht aufklären will

 

.Mit einem Gewinn beginnen die meisten Spielerkarrieren - mit dem Verlust von Familie, Freunden, Arbeitsplatz oder gar dem Leben enden viele. Angesichts ihrer riesigen Schuldenberge sehen manche keinen anderen Ausweg als den Suizid, unter allen Suchtkranken haben Glücksspielsüchtige die höchste Selbstmordrate.

 

Dennis ist einer von derzeit 193.000 Abhängigen in Deutschland. Zählt man auch jene hinzu, die mindestens einmal im Laufe ihres Lebens spielsüchtig waren, sind es 530.000 Menschen, wie eine Studie von Suchtforschern an der Universität Lübeck ergab.

 

 

Klingelnde Automaten lösen Glücksgefühle aus

 

Automaten sind für viele die Einstiegs- und auch meist die Enddroge, sie sind die gefährlichste Variante des Glücksspiels. Die Hemmschwelle ist niedrig: Schon mit 20 Cent ist man an einem der 236.000 Geldspielautomaten in Deutschland dabei. Etwa jeder zwölfte Automatenspieler wird zum Problem- oder Suchtspieler. Beim Lotto ist es nur jeder 300. Spieler. Süchtige unterliegen der Illusion, die Sucht kontrollieren zu können. Gewinnen sie, machen sie weiter, weil sie an eine Glückssträhne glauben und ihre Hormone sie pushen. Verlieren sie, machen sie auch weiter - um den Verlust wieder hereinzuholen.

 

 

Krankhaftes Glücksspiel

 

Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM-IV) definiert pathologisches Glücksspiel als andauerndes und wiederkehrendes, fehlangepasstes Spielverhalten, was sich in mindestens fünf der folgenden Merkmale ausdrückt (treffen nur drei bis vier Merkmale zu, handelt es sich um problematisches Spielverhalten):

1. Starke Eingenommenheit vom Glücksspiel (z.B. starke gedankliche Beschäftigung mit Geldbeschaffung)
2. Steigerung der Einsätze, um gewünschte Erregung zu erreichen
3. Wiederholte erfolglose Versuche, das Spiel zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben
4. Unruhe und Gereiztheit beim Versuch, das Spiel einzuschränken oder aufzugeben
5. Spielen, um Problemen oder negativen Stimmungen zu entkommen
6. Wiederaufnahme des Glücksspiels nach Geldverlusten
7. Lügen gegenüber Dritten, um das Ausmaß der Spielproblematik zu vertuschen
8. Illegale Handlungen zur Finanzierung des Spielens
9. Gefährdung oder Verlust wichtiger Beziehungen, von Arbeitsplatz und Zukunftschancen
10. Hoffnung auf Bereitstellung von Geld durch Dritte

 

Bekannt ist, dass der Botenstoff Dopamin eine zentrale Rolle einnimmt, wenn Süchte entstehen - auch bei der Glücksspielsucht. Das auch als Glückshormon bezeichnete Dopamin aus dem Zwischenhirn wird etwa bei Gewinnen am Automaten vermehrt ausgeschüttet und regt das Belohnungssystem an. "Im Laufe der Zeit reicht allein die Erwartung des Gewinns aus, um es zu aktivieren", sagt Klaus Wölfling, Psychologe an der Spielsuchtambulanz Mainz.

 

Das Gefühl ist so gut, dass man es wieder und wieder erleben möchte. Gleichzeitig brennen sich dem Gehirn die Begleitreize ein: Das Klingeln der Automaten, der Geruch im Casino, das grelle Licht - das alles kann plötzlich Glücksgefühle auslösen, weil der Körper in dieser Umgebung zuvor eine angenehme Erfahrung gemacht hat. Besonders perfide: Manche Casinos leiten die Automatengeräusche bis auf die Straße, um Spieler anzulocken.

 

Zudem führen neuronale Veränderungen dazu, dass die Ausschüttung von Dopamin bei anderen Aktivitäten nicht mehr ausreicht - irgendwann macht nur noch Spielen glücklich. Das Belohnungssystem der Süchtigen stumpft ab, so Wölfling. Selbst Gewinne aktivieren es nicht mehr, nur noch die Erwartungshaltung und das Spielen selbst. "Auch die hohen Verluste nehmen die Süchtigen nicht mehr wahr."

 

Vor allem Jugendliche sind gefährdet. Eine Untersuchung in Rheinland-Pfalz ergab, dass zwei Drittel aller minderjährigen Spielsüchtigen Geldautomatenspieler sind und in Gaststätten oder Spielhallen ihr Geld einsetzen - ein klares Versagen des Jugendschutzes. Noch viel weniger Kontrolle und Jugendschutz besteht bei Online-Glücksspielen. Theo Baumgärtner, Leiter des Büros für Suchtprävention in Hamburg, führte 2009 eine Befragung unter Hamburger Schülern durch. Das erschütternde Ergebnis: Jeder zehnte 14- bis 18-Jährige gibt regelmäßig Geld für Glücksspiele aus. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala stehen Online-Poker und -Sportwetten.

 

 

Männer mit riskanten Verhaltensweisen

 

"Prinzipiell kann es jeden treffen", sagt Tobias Hayer, Suchtforscher an der Universität Bremen. Bestimmte Personengruppen sind jedoch besonders gefährdet, wie Wissenschaftler um den Suchtforscher Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck im Rahmen der Page-Studie (Projekt Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie) bei der Untersuchung von 15.000 Menschen herausgefunden haben:

 

  • 90 Prozent sind Männer

  • 85 Prozent sind unter 30 Jahre

  • 80 Prozent sind starke Raucher

  • 65 Prozent haben einen Migrationshintergrund

  • 50 Prozent sind Alkoholiker

  • 50 Prozent haben eine Depression

  • 20 Prozent sind arbeitslos

 

Ob Begleiterkrankungen und -süchte dabei Ursache oder Folge der Spielsucht sind, ist unklar. Dass neun von zehn Süchtigen männlich sind, erklärt Hayer damit, dass Männer generell eher zu riskanten Verhaltensweisen neigten. "Frauen haben eine höhere Hemmschwelle, in eine Spielhalle, eine Spielbank oder ein Wettbüro zu gehen", so der Suchtforscher.

 

Viele Spielsüchtige werden kriminell, um ihre Sucht zu finanzieren, sie sind weniger produktiv oder werden arbeitslos. Und sie brauchen psychologische Hilfe. Das kostet die Gesellschaft viel Geld - wie viel ist umstritten. Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim, schätzt die Summe auf jährlich 326 Millionen Euro, das "Forschungsinstitut für Glücksspiel und Wetten" kommt auf ähnliche Zahlen.

 

Ingo Fiedler hingegen, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler von der Uni Hamburg, rechnet mit einer viel höheren Summe pro Jahr: mit 40 Milliarden Euro. Seiner Ansicht nach wurden in den Forschungseinrichtungen die immensen Ausgaben der Betroffenen für ihre Sucht nicht berücksichtigt. Viele Spielsüchtige verzocken nahezu ihr gesamtes Einkommen und häufen im Schnitt Schulden in Höhe von 25.000 Euro an. Unberücksichtigt bleibe in den Schätzungen auch das psychische Leid der Betroffenen.

 

Die Höhe der Kosten ist nicht nur unter Wissenschaftlern ein strittiger Punkt, er birgt auch politischen Sprengstoff. Denn den Ausgaben stehen staatliche Einnahmen von 3,3 Milliarden Euro gegenüber. Der Staat ist oberster Croupier in Deutschland: Er besitzt das Monopol auf Lotterien und Sportwetten und vergibt Konzessionen an Spielbanken. Über die Gewerbesteuer verdient der Staat zudem 1,2 Milliarden Euro an Geldspielautomaten, die dem freien Gewerbe unterliegen. Das Bundesverfassungsgericht urteilte 2008, das staatliche Glücksspielmonopol sei nur haltbar, wenn zugleich eine staatliche Suchtprävention stattfinde.

 

Doch im Beirat des Forschungsinstituts für Glücksspiel und Wetten sitzen zahlreiche Vertreter der Automatenwirtschaft, die auch Geldgeber sind und die Kostenanalyse in Auftrag gegeben haben. "Ich habe den Eindruck, dass dieser Umstand Einfluss auf die Forschung hat", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Möglicherweise diene das Institut nur der "Verwässerung der Forschungslandschaft". Zu wie viel Prozent die Wirtschaft das Institut finanziert, dazu wollte es auf Anfrage keine Stellung nehmen. Auch im Beirat der Forschungsstelle der Uni Hohenheim sitzen Vertreter der Spielbanken und der staatlichen Lotto-Toto GmbH.

 

So kritisierte der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, Jobst Böning, kürzlich auf einem Glücksspielsucht-Kongress in Hamburg die massive Einflussnahme der Spielindustrie auf Forschung und Politik. Die Zustände ähnelten den jahrzehntelangen Verschleierungsversuchen der Tabakindustrie hinsichtlich der Gefahren des Rauchens, so Böning. Die Automatenbranche versuchte zudem mit Spenden an Parteien des gesamten politischen Spektrums, strengere Auflagen zu verhindern, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete.

 

 

Hohe Abbrecherquote in der Therapie

 

Die Industrie verdient mit dem Glücksspiel Milliarden. "Gerade im gewerblichen Automatenspiel wurden die Spielanreize in den vergangenen Jahren deutlich erhöht und gesetzliche Bestimmungen systematisch umgangen", sagt Suchtforscher Hayer. Mehr als die Hälfte der Einnahmen kommen durch Süchtige, schätzt Wirtschaftswissenschaftler Ingo Fiedler. Jobst Böning wirft der Automatenbranche daher vor, "ein Geschäft mit Kranken" zu betreiben.

 

Das Therapieangebot in Deutschland ist allerdings gut aufgestellt: "Mittlerweile haben wir in Deutschland ein breites Spektrum an professionellen Hilfemöglichkeiten", so Hayer. Nach dem Glücksspielstaatsvertrag wurden in allen Bundesländern eigene Ambulanzen und Beratungsstellen für Spielsüchtige eingerichtet. Bei den Anonymen Spielern gibt es zudem Unterstützung in Form von Selbsthilfegruppen.

 

Zuvor waren Spielsüchtige lange wie Alkohol- und Drogensüchtige betreut worden. Doch es gibt Besonderheiten: "Spielsucht ist ein Männerproblem, und es ist oft noch eine Migrationsproblematik vorhanden - das muss man bei der Ansprache der Betroffenen berücksichtigen", sagt Martina Schu, die die Suchtberatung in Hessen ausgewertet hat. Auch müssen Spielsüchtige erst wieder ein normales Verhältnis zum Geld entwickeln, betont Hayer, meist brauchen sie noch eine Schuldnerberatung. Dass noch Verbesserungsbedarf in der Therapie besteht, zeigt die hohe Abbrecherquote: Mehr als die Hälfte der Behandlungen enden vorzeitig, wie eine Auswertung in Hessen ergab.

 

Dennis ist seit sechs Jahren clean. Mehr als 14.000-mal wurde sein YouTube-Video angeklickt, Spielsüchtige schrieben Kommentare und dankten ihm für seinen Mut. Wie viel Dennis im Lauf seiner jahrelangen Spielsucht verzockt hat, weiß er nicht genau, "wahrscheinlich war es eine Eigentumswohnung". Aber das spielt für ihn jetzt keine Rolle mehr: "Ich habe zehn Jahre meines Lebens verpasst", sagt er. Jetzt will er endlich leben. (Quelle: Spiegelonline)

 

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Mobbingfälle analysiert - Und raus bist du!

 

Mobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Zwei Fälle - und was Experten dazu sagen.

 

 

Warum gerade ich? Wer Opfer einer Mobbing-Attacke wird, stellt sich diese Frage Tag für Tag. Es ist eine bohrende Frage, eine Frage, die einen Menschen fertigmachen kann. Und die Experten oft leicht beantworten können. Niemand wird wirklich grundlos zum Opfer. Oft sind es kleine Fehler, die zum großen Sturm führen. Wer sie rechtzeitig erkennt, kann sich viele böse Attacken ersparen.

 

Drei Experten kommentieren drei Mobbing-Fälle und beantworten dabei die dringlichen Fragen: Warum ich? Wie hätte ich mich wehren sollen? Und: Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?

 

 

Susi, 38, Ingenieurin für Qualitätssicherung - mit Karacho in die Schaf-Falle

 

"Ich weiß, dass ich dick bin. Es reicht, wenn mir der Arzt das sagt. Dazu brauche ich die Kollegen nicht. Sie tun es trotzdem. Nicht offen, nur in Andeutungen. Auf meinem Schreibtisch habe ich mal eine Frauenzeitschrift gefunden, aufgeschlagen bei der Titelgeschichte "70 Pfund weniger in sieben Monaten".

Hat jemand Geburtstag und bringt Kuchen mit, nötigt er mir garantiert ein drittes Stück auf, obwohl ich mehrfach gesagt habe, dass ich mich mit Süßem zurückzuhalten versuche. Alle schauen mich gebannt an, als hätten sie Wetten darauf abgeschlossen, ob ich das Stück nehme. Meist würge ich es doch runter und brauche gar nicht aufzuschauen, um zu wissen, dass einige fies grinsen. In der Kantine esse ich nur Salat, die anderen packen sich den Teller extravoll.

Ich würde gern unserer Betriebssportgruppe Badminton beitreten, aber als ich Interesse zeigte, sagte eine Kollegin, Badminton gehe wahnsinnig auf die Gelenke und sei eine Belastung für den Kreislauf. Ich habe mich meinem Chef anvertraut, aber der wollte den Mobbing-Vorwurf nicht gelten lassen. "Das ist doch nichts Konkretes. Mobbing sieht anders aus", sagte er. Nach langem Bitten berief er trotzdem eine Teambesprechung ein. Er hat schrecklich rumgeeiert, und als dann der Vorwurf endlich im Raum stand, brach ein Sturm der Entrüstung los.
Die Aussprache hätte ich besser bleiben lassen sollen. Die Ingenieurkollegen begegnen mir mit einer Eiseskälte, die ich nie für möglich gehalten hätte. Früher war ich der Sonnenschein des ganzen Werks, jeder kam gern zu mir, auch weil ich hilfsbereit war, ohne Murren Urlaub tauschte oder stets nickte, wenn jemand mittags früher Schluss machen wollte. Nach einem Selbstbehauptungstraining in meiner Freizeit habe ich ab und zu auch mal nein gesagt, seitdem erst scheint mein Gewicht ein Thema geworden zu sein. Gestern habe ich gehört, dass mehrere Kollegen zum Betriebsrat gegangen sind, weil ich angeblich beim Werksleiter gegen sie intrigiert hätte. Als ob ich jetzt die Mobberin bin!"

 

Das sagt Claudia Kimich, Verhandlungsexpertin und Coach aus München, dazu:

Warum gerade ich?

"Susi ist in die klassische Schaf-Falle gelaufen. Sie denkt sich ihre frühere angebliche Beliebtheit schön. Der Wahrheit kommt vermutlich näher, dass sie ausgenutzt wurde. Die Kollegen waren nur scheinbar nett. Sie fanden es toll, jemanden zu haben, auf den sie unangenehme Arbeiten abschieben konnten, und der immer ja sagte, wenn jemand Urlaub tauschen oder früher Feierabend machen wollte.

Als Susi anfing, zu sich zu stehen und nein zu sagen, war es vorbei mit dem bequemen Leben in der Abteilung. Die nette, liebe Susi wurde sichtbar - plötzlich hatte sie Ecken und Kanten wie jeder andere. So wurde sie auch angreifbar. Die Kollegen kannten ihren wunden Punkt, ihr Übergewicht. Sie hackten darauf ein, um ihre Abschiebestation zurückzubekommen. Später, als klar wurde, dass Susi standhaft blieb, diente das Mobbing nur noch dazu, Frust abzubauen und zu verletzen."

Wann und wie hätte ich mich wehren sollen?

"Am besten hätte Susi schon bei den ersten "kollegialen" Versuchen, ihre Gutmütigkeit auszunutzen, nein gesagt. Dann wäre sie zwar nicht der Sonnenschein der Abteilung gewesen, dafür aber respektiert worden. Nun gut - erste Chance vertan. Zweite Chance: Als die Anspielungen auf ihr Gewicht begannen, hätte Susi sofort und konsequent Paroli bieten oder das Gerede komplett ignorieren müssen. Wer unfair angegangen wird, sollte konkret nachfragen und die eigenen Gedanken offenlegen: "Was willst du damit sagen?" - "Könntest du mir diese Anspielung bitte näher erklären?" - "Habe ich richtig verstanden, dass du dich über meine Figur lustig machst?" - "Stimmt es, dass du hinter meinem Rücken Geschichten über mich erzählst?"

Gerade unter Ingenieuren herrscht manchmal ein rauerer Ton, den man schnell persönlich nehmen kann. Trotzdem wollen die meisten Kollegen nur spielen, nämlich testen, wie weit sie mit kleinen Rempeleien gehen dürfen, ohne einen ernsthaften Konflikt zu riskieren. Da heißt es, gleich zu Anfang gegenhalten. So gewinnt man den Respekt der Kollegen."

Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?

"Wenn Susi grundsätzlich mit ihrem Gewicht klarkommt, ist der Umgang mit den Kollegen nur eine Frage des Selbstbewusstseins. Ob sie ein paar Kilo zu viel hat, geht schließlich niemanden etwas an.

Vielleicht will Susi aber an ihrer körperlichen Verfassung etwas ändern - lässt sich so ihr Selbstbewusstsein stärken, ist das auch ein guter Plan. So oder so muss sie den Mut haben, zu sich zu stehen. Stellt sie noch einmal Anzeichen von Übergriffen seitens der Kollegen fest, sollte sie rechtzeitig Hilfe holen.

Die beste Freundin oder ein professioneller Coach haben ein offenes Ohr. Im Rollenspiel lässt sich richtiges Verhalten in Mobbing-Situationen trainieren. Susi lernt dabei, wie sie spitze Bemerkungen auskontert. Irgendwann betrachtet sie das Ganze als Spiel und hat sogar noch Spaß dabei."

 

 

Thorben, 30, Gruppenleiter im Controlling - Schluss mit der Kumpelei

 

"Meinen Einstand als Führungskraft werde ich nicht so schnell vergessen. Ich hatte eine angesagte Location am Hafen ausgewählt und ließ Essen und Getränke vom Feinsten auffahren. Seltsam - die Leute, mit denen ich bis gestern von Gleich zu Gleich zusammengearbeitet hatte, waren jetzt meine Mitarbeiter. Hey, ich bin immer noch der Thorben, sagte ich beim Sekt, aber es kam keine Stimmung auf.

So ging es weiter. Je mehr ich auf Kumpel machte, desto reservierter wurden die Ex-Kollegen. Bei einer Präsentation vor der Geschäftsführung ließen sie mich richtig hängen. Zwei Power-Point-Charts fehlten. Das und ein mir unerklärlicher Zahlendreher in einer Marktanalyse sorgten dafür, dass mich der Sprecher der Geschäftsführung wie einen dummen Jungen nach Hause schickte: "Wir sehen uns in einer Woche wieder, nachdem Sie Ihre Hausaufgaben gemacht haben!"

Die Merkwürdigkeiten häuften sich. Ein Bericht unseres Wirtschaftsprüfers verschwand. Vor wichtigen Terminen wurde ausgerechnet der jeweilige Experte in meinem Team krank. Dann begannen die Spielchen im Internet. In öffentlichen Foren wurde über mich abgelästert; jemand schlich sich in der Mittagspause an meinen Rechner, den ich nicht mit einem Kennwort geschützt hatte, und ersteigerte bei Ebay ein Sexspielzeug auf meinen Namen.

Die Gerüchte brodelten nur so: dass ich einen größeren Dienstwagen beantragt hätte; dass ich als Berater nebenher verdiene; dass ich mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Golf spiele. Bei einer Besprechung bekam ich einen Wutanfall, weil mich mehrere Mitarbeiter belogen - sofort wusste die ganze Firma von der Sache.

Meine Nerven lagen blank, ich schlief kaum noch, ein Ekzem, das ich ausgeheilt glaubte, kam wieder hervor. Ein Wunder, dass ich mich aufraffen konnte, Bewerbungen zu schreiben. Zwei Vorstellungsgespräche, und ich sah Licht am Ende des Tunnels. Heute macht mir der Job wieder Spaß. Führungsverantwortung habe ich allerdings nicht - und kann herzlich gern darauf verzichten."

 

Das sagt Jörn Tschirne von der CoachAcademy in Stuttgart dazu:

Warum gerade ich?

"Neid, Antipathie und Frust gehören zu den häufigsten Ursachen für Mobbing. Mit dem Nobel-Einstand hat Thorben seinen Kollegen signalisiert: Ich habe es geschafft - ihr nicht! Wer da nicht neidisch wird, muss ein wahrer Gutmensch sein. Doch die Feier war nur der Auftakt zu einer Reihe von Fehlern und Versäumnissen.

Vor allem hätte Thorben seine neue Rolle konsequent ausfüllen müssen. Von einem Vorgesetzten wird zum Beispiel erwartet, dass er Führungsverantwortung übernimmt, also die Mitarbeiter fördert und fordert. Damit sind zuweilen unpopuläre Entscheidungen verbunden, etwa das Delegieren zusätzlicher Arbeit oder Kritik am Leistungsverhalten.

Thorben wollte aber weiter als Kumpel gesehen werden, was den Eindruck vermittelte, er sei der Führungsaufgabe nicht gewachsen. So verspielte er den Respekt seiner Mitarbeiter und ermutigte sie zum Boykott. Die Gruppendynamik tat ein Übriges, um seinen Rückhalt im Team zu zerstören."

Wann und wie hätte ich mich wehren sollen?

"Der erste Schritt wäre gewesen, die Situation kritisch zu analysieren - gleich nach der verpatzten Feier. Wahrscheinlich schwelte bereits vor der Einladung ein Konflikt. Die Bestandsaufnahme hätte Thorben geholfen, das zu merken. Beim ersten Anzeichen eines Konflikts musste Thorben das klärende Gespräch mit dem betreffenden Mitarbeiter suchen. Zu dem Zeitpunkt hätte er es noch mit einer einzelnen oder mit wenigen Personen zu tun gehabt, nicht mit dem ganzen Team.

Solche Gespräche stärken das eigene Selbstbewusstsein und zeigen der mobbenden Person deutlich Grenzen auf. Wichtig ist es, nicht in die Isolation zu gehen. Auch als Führungskraft konnte Thorben Kollegen ins Vertrauen ziehen, die sich notfalls in den Konflikt eingeschaltet hätten. Die einschlägigen Beratungsstellen stehen übrigens jedem Mobbing-Opfer offen, unabhängig von dessen hierarchischer Stellung im Unternehmen. Niemand braucht sich zu schämen, in einer Mobbing-Situation Rat und Hilfe zu suchen."

Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?

"Die gute Nachricht für Thorben lautet: Es gibt nicht das typische Mobbing-Opfer. Deshalb sollte er beim Antritt seiner neuen Stelle authentisch bleiben. Er muss nicht versuchen, jemand anderes zu sein. Die eigene Persönlichkeit auszuleben, setzt allerdings voraus, dass Thorben seine negativen Erfahrungen aktiv aufarbeitet. Er sorgt so dafür, dass er mit einem Maximum an Sicherheit die neue Stelle antritt.

Das Kapitel Führungsverantwortung hat Thorben vorerst abgeschlossen, wie er sagt. Das muss nicht für alle Ewigkeit gelten. Sollte er irgendwann wieder Chef werden, sieht seine Mobbing-Vorsorge so aus: Konflikte mit den Beteiligten umgehend klären, Eskalation vermeiden, im Gespräch eine konstruktive Einigung erzielen. Thorben müsste dann außerdem mehr auf die Stimmungen in seinem Team achten. Fortbildungen zu Kommunikation und Führung unterstützen bei der Wahrnehmung der Führungsaufgabe." (Quelle Spiegelonline)

 

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